Kreativität kontra Beständigkeit

Achtung! Kein Corona-Text!

Da mich dieses Thema schon seit sehr langer Zeit immer wieder beschäftigt, dachte ich mir: Zeit, die Gedanken mal niederzuschreiben.

Ich mache mittlerweile seit 26 Jahren selbstangetriebene Musik. Mit Musikschule und allem davor weg sind es schon über 30 Jahre. Angefangen mit dem Akkordeon im Konservatorium und ziemlich wenig Eigenantrieb gingen dann mit 15 Jahren über die elektronische Musik und den ersten Gehversuchen an Schlagzeug und Gitarre mit ungefähr 18 Jahren die ersten Bandprojekte los. Die erste Band war Zufall und hörte einfach irgendwann auf, weil der Gitarrist weggezogen war. Dann fing ich an im Proberaum erste Aufnahmen zu machen und die zweite und dritte Band folgten, immer wieder unterbrochen von Aufnahmesessions mit befreundeten Bands und einmaligen Projekten, die kamen und gingen wie Leute, die man all zu schnell “Freunde” nannte, bloss weil man mal besoffen zusammen gejammt hat. Dicht gefolgt von 15 Jahren Gitarre bei Aorta,14 Jahren Grindpunk bei Jesus kommt aus Bützow, 5 Jahren Schreihals bei Blood in the Chair, zwischendrin Noisefreak bishin zu Purple Foam, wo ich nun auch schon 5 Jahre den Bass bediene. Von Vrost, wo ich seit dem Beginn meines musikalischen Interesses an Klangwelten außerhalb der üblichen Strukturen forsche, mal ganz abgesehen. Und immer stellte sich am Ende eines Projektes folgendes Problem: Gehe ich weiter meiner kreativen Vision nach, in dem ich aus einer Band aussteige und einen neuen Weg suche oder bleibe ich beständig an einer Sache dran, werde dafür respektiert und habe etwas, auf das ich mich verlassen kann? Nun kann man sich die Frage auch anders stellen: Mache ich mein Ding oder beharre ich gewohnheitsmäßig auf etwas, dass mich zwar ausgleicht, aber nicht wirklich zufrieden macht, da meine kreative Vorstellung irgendwie nicht mehr so richtig zu dem passt, was wir da machen?

Hierbei muss man dann wirklich abwägen und sehr tief in sich gehen und sich fragen, wie wichtig man selbst seine eigenen Vorstellungen nimmt. Das lässt sich eins zu eins auch ins gesamte Leben übertragen und ist damit nichts weniger als die grosse Sinnfrage. Eine Frage, die auch etwas mit Bewusstsein und Sich-Selbst-Ernst-nehmen zu tun hat.

Für mich war meistens erstmal das Wichtigste, mit Freunden Musik zu spielen. Punkt.
Ich habe mich aber aus irgendeinem inneren Antrieb immer weiter entwickeln wollen. Bis heute habe ich keine Ahnung, wo diese Energie herkommt. Der liebe Herrgott ist es jedenfalls nicht, soviel kann ich behaupten. Es langweilt mich einfach irgendwann, wenn sich Dinge anfangen zu wiederholen. Und dann muss man weitergehen. Es ist sehr schade, aber nicht zu vermeiden, dass auch langjährige Partner dann zurückgelassen werden müssen. Da hat man aber auch ganz schön mit sich zu kämpfen, da es natürlich viel weiter greift als “nur” in die Musik. Obwohl das Eine (Kreativität) und das Andere (Freundschaft), wenn man es genau betrachtet, nichts miteinander zu tun haben. Freundschaft ist eben eine ganz andere Ebene, in der Beständigkeit die wichtigste Rolle spielt. Der Kampf zwischen Kreativität und Beständigkeit hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Am Ende stand oft die Entscheidung, loszulassen und weiter zu gehen.

Kreativität ist das Gegenteil von Beständigkeit und schwer zu greifen. Versucht man, Kreativität in eine Form von Beständigkeit zu pressen, wird man gnadenlos scheitern und gibt die Vision auf, wirklich kreatives Neuland zu betreten und vergibt sich damit auch die Möglichkeit, etwas Einmaliges zu schaffen. Und sollte das nicht eigentlich das Ideal eines Künstlers sein? Die meisten Formen “traditioneller” Musik sind eben doch meist nur ein vergebliches Nachahmen und Suchen nach einer Energie, die die Erfinder dieser Musik früher mal hatten. Das waren nämlich auch alles Kreative und Suchende, ohne die all das, was danach zu Tradition wurde, überhaupt nicht entstanden wäre. Wieso glauben Milliarden Menschen auf der Welt an irgendwelche Götter? Weil es irgendwann mal Leute gab, die sie erdacht haben. Wenn Menschen darin Halt finden, sich an etwas Traditionelles zu heften, so sollen sie das gern tun. Fakt ist aber eins: Sie belügen sich. Sie tackern ihr Herz an hirnlose Verlässlichkeiten, die man einfach mit einem Fingerschnips umhauen könnte. Und genau so belügt sich der Musiker, der nicht an seinem eigenen, inneren Wachstum interessiert ist und althergebrachte Strukturen immer und immer wiederholt. Das war nie mein Weg und wird es nie sein.

Egal, was am Ende dabei heraus kommt.
Egal, wie alt ich gerade bin.
Egal, ob es jemanden interessiert.

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